Burgdorf - Johannesburg

Delegation aus Burgdorf bei Partner-Kirchenkreis in Südafrika

Eine Kirche, die neue Gemeinden gründet – das kann man sich in Deutschland kaum vorstellen. Doch in Südafrika im Kirchenkreis Johannesburg-West gibt es das.

Dessen rund 4000 Christen der Evangelisch-lutherischen Kirche im südlichen Afrika (ELCSA) verbindet seit nunmehr 30 Jahren eine Partnerschaft mit dem Kirchenkreis Burgdorf in der Region Hannover. Kürzlich hat eine 21–köpfige deutsche Reisegruppe die Partner auf einer musikalisch geprägten Reise besucht. Neben lebendigen Gottesdiensten, tiefer Frömmigkeit und hohem ehrenamtlichen Engagement erlebte die Gruppe auch eine Kirche mit wachsendem Selbstbewusstsein.

Bevor diese Dinge den Gästen so richtig bewusst werden konnten, mussten insbesondere diejenigen, die erstmalig dabei waren, den Anblick der krassen Unterschiede von Arm und Reich in diesem Land verkraften. Viele der Schwarzen, Coloureds, Indians und Asians der „Rainbow-Nation“ leben weiterhin in meist außerhalb der Städte gelegenen Townships in bescheidenen Häusern oder gar einfachen Holz- und Wellblechhütten, wie in dem für seine Kriminalität berüchtigten Johannesburger Stadtteil Diepsloot.

Für die vom Burgdorfer Superintendenten Ralph Charbonnier und dem Partnerschaftsbeauftragten Hans-Dieter Pauli geleitete Gruppe haben sich diese Bilder tief eingeprägt. Die Bettdecke mit dem Gastgeber teilen, umherlaufende Ratten vor dem Quartier oder gar durch die Dunkelheit hallende Schüsse in Alexandra, einem der ärmsten Viertel Johnnesburgs, brachten manche an ihre Grenzen.

Andere wohnten zur gleichen Zeit bei einem schwarzen Gastgeber im Nobelquartier mit eigenem Koch, das jedoch hinter Elektrozaun und mit Wachpersonal. Es gibt eben inzwischen auch reiche Menschen dunkler Hautfarbe in Südafrika. „Während früher die Grenzen zwischen Schwarzen und Weißen verliefen, werden jetzt die Zäune zwischen den Armen und den Reichen hochgezogen“, beschrieb Charbonnier seine Eindrücke vor Ort. Die Strukturen der Apartheid wirken aber rund 18 Jahre nach ihrer endgültigen politischen Abschaffung und 100 Jahre nach Gründung des Afrikanischen Nationalkongresses fort. Wer im Township wohnt, dessen Kinder gehen auch dort zur Schule. Dass in diesen Klassen keine Kinder der gerade einmal rund zehn Prozent weißen Südafrikaner auftauchen, verwundert nicht.

Auch bei den lutherischen Kirchen ist die Trennung noch spürbar. Neben der ELCSA besteht die ursprünglich weiße Evangelical Lutheran Church in South Africa (Natal-Transvaal) fort. Die hat heute zwar auch nicht-weiße Mitglieder. Initiativen zur Fusion sind aber gescheitert.

Keine Überraschung war für die Reisenden, dass Aids besonders in den Armenvierteln grassiert. Dabei zu sein, als Pastor Johannes Motlhatlhedi aus Randfontein in einem Gesundheitszentrum in Wedela eine Aidskranke segnete, regte die Gäste zu einer spontanen Spendenaktion für das Zentrum an.

Einige Besonderheiten der Gottesdienste in der Partnerkirche werden am Vergleich klar. Man stelle sich vor, in der Burgdorfer St.-Pankratius-Kirche stimmten Gemeindemitglieder ohne Absprache mit dem Pastor oder Kantor Lieder an, übernähmen auch gleich die Rolle des Vorsängers, die Gemeinde geriete bei rhythmischem Gesang in Bewegung und die Gebete würden frei gesprochen.

„Das ist ein sehr eigenständiger Glaube aus einer persönlichen Gottesbeziehung heraus“, erklärte Charbonnier, den besonders die Ursprünglichkeit der Gottesdienste in den Townships faszinierte. Seiner Ansicht nach, ließen sich Elemente davon auch daheim aufnehmen, zum Beispiel, dass Laien ihre Ideen mehr in den Gottesdienst einbringen.

„Je wohlhabender die Mitglieder werden, desto mehr nähern sich die Formen unseren Formen an“, hat der Superintendent aber in Gemeinden wie Coronationville oder in Midrand beobachtet. In dem zwischen Johannesburg und Pretoria gelegenen Midrand entsteht derzeit eine neue Gemeinde. Was dort in noch angemieteten, vornehmen Räumen geschieht, geht aber auch einfacher. Im Township Cosmo City betet Missions-Pastor Richard Munzhelele mit den Christen noch in seiner Garage. Im Slum Diepsloot dient ein sehr bescheidenes Wohnhaus als Gottesdienstraum.

Die Kirchenkreispartnerschaft wird auch im 30. Jahr ihres Bestehens auf beiden Seiten weiter wichtig genommen. Sie „gibt uns die Möglichkeit, neu auf uns selbst zu schauen“, sagte Pastor Richard Agullhas von der Johannesburger St.-Thomas-Gemeinde. „Die Partnerschaft erweitert extrem meinen Horizont“, hieß es auf deutscher Seite von Heige Kienle, Abgesandte der Gemeinde Ilten-Bilm-Höver. Während dieser Reise der Gruppe aus dem Kirchenkreis Burgdorf waren solche Erweiterungen nicht nur durch die Teilnahme an Gottesdiensten, bei Projektbesichtigungen oder in Gesprächen möglich. Zur Vorbereitung auf die Feierlichkeiten zum 30-jährigen Bestehen der Partnerschaft stand auch ein gemeinsames Musikseminar auf dem Programm. Dass Kirchenkreiskantor Martin Burzeya mit den Reisenden sogar südafrikanische Lieder singen konnte, quittierten die Partner mit Jubel.