Das Schweigen über Suizid

Sabine Rothert ist 31 Jahre alt, als sich ihre Mutter umbringt. Anteilnahme findet sie zunächst nicht. Es dauert Jahre, bis sie über den Suizid mit anderen sprechen kann. Zu tief sitzt die Angst vor Vorurteilen. Experten zufolge ist Suizid für viele Menschen immer noch ein großes Tabuthema. Gleichzeitig ist die Zahl der Selbsttötungen in Deutschland erstmals seit fünf Jahren auf mehr als 10.000 gestiegen. Alle 47 Minuten nimmt sich ein Mensch das Leben. Besonders im Frühjahr steigt die Zahl der Selbsttötungen.

Über Suizid wird nach den Erfahrungen des Hamburger Psychotherapeuten Georg Fiedler selbst mit Verwandten und Freunden kaum gesprochen. "Wenn Hinterbliebene gefragt werden, wie der Partner gestorben ist, dann herrscht betretenes Schweigen", sagt Fiedler, der auch Sekretär des nationalen Suizidpräventionsprogramms ist. Nach Studien der Weltgesundheitsorganisation sind von einer versuchten Selbsttötung mindestens sechs weitere Menschen betroffen.

Sabine Rothert gründete vor einigen Jahren den Verein „Angehörige um Suizid“ (AGUS) in Hannover, um endlich mit anderen Betroffenen reden zu können. Die mittlerweile 39-Jährige kämpfte lange Zeit mit Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen. „Ich hatte immer Angst, dass die Leute meine Mutter verurteilen oder vermuten, sie habe sich wegen Alkohol oder Depressionen das Leben genommen.“

Der langjährige Klinikleiter der Psychiatrie in Wunstorf bei Hannover, Andreas Spengler, erklärt, das Stigma in der Gesellschaft stamme noch aus mittelalterlichen Zeiten. Damals bestrafte die christliche Kirche diejenigen, die sich das Leben nahmen. Auch Rothert meint: „Diese uralte Schande schwingt immer noch mit.“ Spengler zufolge steht zudem hinter fast jedem Suizid eine depressive Problematik. „Das Tabu Suizid hat seine Hintergründe in dem Tabu Depression und in dem Versuch der Betroffenen und ihrer Familie, diese Probleme allein zu lösen.“

Doch auch Bekannte und Freunde sind oft unsicher. Am schlimmsten findet Sabine Rothert es, wenn sie ihr gegenüber einfach schweigen. Aus Angst, sie könnten etwas Falsches sagen, wenden sie sich von ihr ab. Einmal im Monat treffen sich in Rotherts Gruppe etwa zehn Frauen und Männer, denen es ganz ähnlich geht wie ihr. Sie berichten davon, dass Bekannte und Freunde vor lauter Verlegenheit die Straßenseite wechseln, wenn sie sie sehen. Auch Ratschläge wie „Nun wein doch nicht so, er wollte sich doch umbringen“, hören die Angehörigen häufig.

Dabei empfehlen die Psychologen, das direkte Gespräch zu suchen. Das könne für alle erleichternd sein. Der offene Umgang der Angehörigen mit dem Thema kann zudem anderen Betroffenen helfen, weiß Psychotherapeut Spengler. Die Aufklärung über Suizid biete Chancen, um zukünftige Fälle zu verhindern, sagt Fiedler. Wenn über ein Thema offen gesprochen werde, sei auch der Zugang zu psychologischen Hilfen einfacher.

Fiedler sieht einen großen Unterschied zwischen dem Umgang von Angehörigen mit dem Erlebten und der öffentlichen Wahrnehmung von Suiziden. In den Medien seien Selbsttötungen mittlerweile ein fast tägliches Thema, beispielsweise in Berichten über den Suizid des Nationaltorhüters Robert Enke aus Hannover oder im vergangenen Herbst über den Suizidversuch des Bundesligaschiedsrichters Babak Rafati. Die Experten warnen zugleich jedoch davor, Suizide zu detailliert zu beschreiben, weil es zu Nachahmungsversuchen führen könne. „Die Taten zu heroisieren, ist sicher falsch“, sagt Fiedler.

Sabine Rothert fand in der Selbsthilfegruppe das Verständnis, nach dem sie vorher lange gesucht hatte. Doch das tiefgreifende Erlebnis bleibt ein Bruch. Auf die Frage nach dem „Warum“ habe sie keine Antwort gefunden, erzählt sie. Auch sie selbst habe sich nach dem Tod ihrer Mutter verändert. Die alte Sabine Rothert werde sie nie wieder sein. „Das Leben teilt sich in vorher und nachher.“