Der Opfer gedenken

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz . 51 Jahre später proklamierte der damalige Präsident der Bundesrepublik Deutschland, Roman Herzog, den Tag der Befreiung Auschwitzs zum „Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus“. Die Vereinten Nationen übernahmen 2005 den 27. Januar als „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“ (International Day of Commemoration to honour the victims of the Holocaust) aus. So wird seit 2006 dieser Tag weltweit begangen.

In Bergen-Belsen errichtete die Wehrmacht 1940 rund 60 Kilometer nordöstlich von Hannover ein Kriegsgefangenenlager. Im April 1943 übernahm die SS Teile des Geländes für ein Konzentrationslager. Dort starben rund 20.000 Kriegsgefangene und mehr als 50.000 Insassen des Konzentrationslagers. Am 15. April 1945 befreiten britische Truppen das Lager.

Der größte Teil der sowjetischen Kriegsgefangenen kam im Winter 1941/42 ums Leben. Die Verantwortlichen der Wehrmacht ließen Historikern zufolge zu, dass die Häftlinge an Hunger, Erschöpfung und Krankheiten zugrunde gingen. Die wenigen Baracken im Lager reichten für die große Zahl der Soldaten nicht aus. Die Gefangenen mussten in Erdlöchern oder ganz ohne Schutz leben.

Das KZ Bergen-Belsen war zunächst für Juden vorgesehen, die gegen im Ausland internierte Deutsche ausgetauscht werden sollten. Ab 1944 wurden kranke Häftlinge aus anderen Lagern dorthin transportiert. In den letzten Kriegsmonaten seit Ende 1944 wurden frontnahe Konzentrations- und Vernichtungslager geräumt und zehntausende Menschen in das überfüllte Lager gebracht.

Allein zwischen Anfang Januar und Mitte April 1945 starben rund 35.000 Häftlinge - unter ihnen Anne Frank, deren Tagebuch weltbekannt wurde. Bei der Befreiung des Konzentrationslagers am 15. April 1945 fanden die Briten rund 60.000 sterbenskranke Menschen und 10.000 unbestattete Leichen auf dem Gelände vor.

Bereits im Herbst 1945 wurde in Bergen-Belsen ein erstes provisorisches Mahnmal zwischen den Massengräbern errichtet. Im Jahr 2007 wurde für 13 Millionen Euro ein neues Dokumentationszentrum in der Gedenkstätte eingeweiht. In der Ausstellung sind unter anderem Filme zu sehen, in denen Zeitzeugen und Überlebende berichten. Neben den persönlichen Erinnerungen ehemaliger Häftlinge werden auch historische Bilder und Filmaufnahmen vom befreiten KZ gezeigt. Eine Neugestaltung des Außengeländes der Gedenkstätte soll demnächst abgeschlossen werden.

Manche Geschichten bleiben im Gedächtnis. Geoffrey Hartman erinnert sich an einen Mann, der von der Deportation seiner Familie in der NS-Zeit erzählte. Die Großmutter schaffte es nicht, allein auf den bereitstehenden Lastwagen zu steigen. Sie bat um Hilfe, doch der Enkel konnte sie im Gedränge nicht erreichen. „Ich helfe“, sagte ein deutscher Aufseher und schoss der Frau in den Kopf.

Hartman hat viele Berichte über derart traumatische Erlebnisse gehört, und er hat sie gesammelt. 1979 gehörte er zu den Gründern des Fortunoff-Archivs an der US-amerikanischen Universität Yale, das als erstes begann, Interviews mit Überlebenden des Holocaust auf Video aufzuzeichnen. Heute sind es mehr als 4.300 Filme.

„Als wir anfingen, dachten wir, wir haben noch bis zu 15 Jahre Zeit“, berichtete der heute 82-jährige Hartman vor zwei Jahren bei einem Expertensymposium in Bergen-Belsen. Aber bis heute erkundigten sich jeden Monat noch Überlebende des Völkermordes an den Juden nach der Arbeit des Archivs. „Manche von ihnen haben noch eine ganz klare Erinnerung.“

Das Vermächtnis der Zeugen zu bewahren, ist für den emeritierten Literaturprofessor zu einer Lebensaufgabe geworden. „Die Überlebenden müssen in ihren eigenen Worten gehört werden, und sie müssen gesehen werden“, ist er überzeugt. Selbst ein Schweigen könne beredt sein, wenn es um unaussprechliches Leid gehe. Für viele ehemalige KZ-Häftlinge sei es wie eine zweite Befreiung gewesen, oft nach langer Zeit über ihre Erinnerung sprechen zu können.

Mit fast 52.000 Berichten von Holocaust-Überlebenden aus 56 Ländern hat die Shoah-Foundation, die der amerikanische Regisseur Steven Spielberg 1994 gründete, inzwischen eine weitaus größere Sammlung. Das Fortunoff-Archiv aber setzte weltweit die Standards für diese Form der historischen Quellensicherung. In Deutschland kooperiert es unter anderem mit der Gedenkstätte für die ermordeten Juden Europas in Berlin und der niedersächsischen KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen. Sie zeichnete für die Neugestaltung ihrer Ausstellung in den vergangenen Jahren selbst mehr als 350 Gespräche auf.

Im 2007 eröffneten Dokumentationszentrum in Bergen-Belsen stehen die Zeitzeugenberichte deutlich im Mittelpunkt. Aus mehr als 1.400 Stunden Lebensgeschichte haben die Mitarbeiter biografische und thematische Filme zusammengestellt, die die Besucher durch die Ausstellung begleiten. „Uns leitet dabei die Überzeugung, dass wir persönliche Geschichten brauchen, um einen Bezug zu dem herzustellen, was hier passiert ist“, sagt der Leiter der Gedenkstätte, Habbo Knoch. Die Zeugnisse müssten dabei sorgfältig in die historischen Zusammenhänge und Strukturen eingeordnet werden.

Von Museen in den USA, in denen die Augenzeugenberichte oft wichtiges Medium sind, unterscheidet Bergen-Belsen eines: Die Menschen, die dort von den Bildschirmen ihre Erlebnisse schildern, litten auch an diesem Ort. Rund 20.000 Kriegsgefangene und mehr als 52.000 KZ-Häftlinge wurden in dem Lager ermordet oder starben an Seuchen, Durst und Hunger. Auch nach der Befreiung durch britische Truppen am 15. April 1945 blieben noch bis 1950 heimatlose Überlebende ganz in der Nähe in einem „Displaced-Persons-Camp“.

Die Berichte der Überlebenden seien auch für die Forschung wichtig, denn sie offenbarten Details, die sonst niemals bekanntgeworden wären, sagt Knoch, der auch Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten ist. Die Geschichte des Holocaust muss nach Auffassung des Münchner Historikers Hans Mommsen weiter analysiert werden, um zu verhindern, dass ähnliche gesellschaftliche Voraussetzungen wie in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstehen. Allein mit dem damals herrschenden Antisemitismus und Hitlers Rassenwahn lasse sich nicht erklären, wie es zu dem Völkermord von einmaligem Ausmaß gekommen sei. Der Versuch, Reaktionen und Motive der Täter zu ergründen, sei wichtig. Aber: „Immer muss dabei die Individualität der Opfer bedacht werden“, mahnte Mommsen bei dem Symposium vor zwei Jahren.

Das menschenverachtende System der Konzentrationslager war darauf ausgerichtet, den Inhaftierten diese Individualität abzusprechen. Ihre Namen wurden durch Nummern ersetzt. Für Bergen-Belsen sei die Abwesenheit der Namen noch lange nach dem Krieg symptomatisch gewesen, sagt Knoch. „Die Briten wollten einen respektvollen Ort, der nichts mehr mit dem früheren Lager zu tun hat.“ Ein Landschaftsarchitekt, der auch schon im Auftrag der SS gearbeitet hatte, gestaltete den Friedhof mit den Massengräbern der Opfer als Park - von Heidekraut überwachsen.

1946 ließen jüdische Überlebende einen ersten Gedenkstein aufstellen. Später folgte auf Anordnung der Briten eine offizielle Inschriftenwand. Heute erinnern weitere Gedenksteine wie der für Anne Frank und ihre Schwester Margot auch an einzelne Verstorbene. Für die weitere Neugestaltung des Geländes hat die Gedenkstätte inzwischen viele Namen wieder in Erfahrung gebracht, und es wird nach weiteren geforscht. Ein „Ort der Namen“ soll später einmal die Erinnerung an sie bewahren.