Dialog in Holz

Mit einer Plastiktüte über dem Kopf sitzt ein Mann auf einem Stuhl, die Hände hinterrücks gefesselt. Ein anderer traktiert ihn, von Ferne wird alles gefilmt und wahrscheinlich gleich ins Internet gestellt. Die Szene erinnert an die schockierenden Folterbilder aus dem US-Gefängnis Abu Ghraib in Bagdad. Die hölzerne Figurengruppe ist eine Arbeit des Bildhauers Klaus Effern, die im Verlauf eines Kunststipendiums der Bremischen Evangelischen Kirche entstanden ist.

Vorbild war ein Klassiker, die „Verspottung Christi“, ein Ölbild des berühmten Renaissance-Malers Matthias Grünewald, das heute in der Alten Pinakothek München hängt: Im Vordergrund sitzt Jesus auf einer niedrigen Steinmauer, umgeben von Folterknechten, die Augen verbunden. „Das Bild zeigt einen, der schikaniert wird, so wie das auch heute noch passiert“, sagt Effern, der seinen lebensgroßen Skulpturen aus Pappel, Linde, Eiche und Platane im Atelier gerade den letzten Schliff gibt.

Seine Arbeit ist kein Abbild, es ist die moderne Übersetzung eines zeitlosen Themas. Mit dem Entwurf hat er im Frühjahr des vergangenen Jahres das erste Kunststipendium der bremischen Kirche gewonnen. Das Ergebnis ist nun eine siebenteilige Figurengruppe, die unter dem Titel „Verspottung“ ab 24. Februar in der Bremer Kulturkirche St. Stephani und ab 14. März in der Großen Kirche Bremerhaven zu sehen ist. Sie wird so aufgestellt, dass sich die Ausstellungsgäste zwischen den Skulpturen bewegen können - auf Augenhöhe mit Spöttern, Folterern und Voyeuristen.

Harter Tobak? „Mit dem Stipendium wollen wir zum Dialog zwischen Kunst und Kirche, zur künstlerischen Auseinandersetzung mit religiösen Themen anregen“, erläutert der evangelische Kulturpastor Achim Kunze. Das mit 12.000 Euro dotierte kirchliche Stipendium für einen bildenden Künstler ist einmalig in Niedersachsen und Bremen. Die hannoversche Landeskirche etwa hat sich für einen anderen Weg der Kunstförderung entschieden und lobt einen Kulturpreis aus, der in Höhe von 10.000 Euro alle zwei Jahre verliehen wird. Religion und Kultur seien wie Geschwister miteinander verbunden, hieß es bei der ersten Preisverleihung für ein Theaterstück und eine Kunstinitiative im November 2010.

Auch die kirchliche Hanns-Lilje-Stiftung in Hannover unterstützt den Dialog von Kirche und Theologie mit der Kunst. Sonst jedoch werden die bildenden Künste bei den evangelischen Kirchen in Niedersachsen allenfalls projektbezogen gefördert.

Die Bremer haben unterdessen eine zweite von zunächst drei geplanten Wettbewerbsrunden eingeläutet. Musste sich Effern, 1967 in Siegsdorf geboren, noch unter 109 eingereichten Beiträgen durchsetzen, sind es diesmal 27 Bewerbungen. „Wir werden am Sonnabend entscheiden“, kündigt Kunze an. Der Theologe fiebert bereits der ersten Stipendiaten-Ausstellung entgegen. „Klaus Effern setzt sich mit seiner ihm eigenen Sprache und auf erfrischende Weise mit einem Thema auseinander, das auch die Kirche bewegt“, betont er.

„Seine Figuren sind spektakulär“, schwärmt Arie Hartog, Direktor des Bremer Bildhauer-Museums Gerhard-Marcks-Haus und Mitglied des Kunstausschusses der Kulturkirche. „Sie werden nicht aus einem Block oder Stamm gehauen, sondern entstehen aus rohen und bereits geschnitzten Hölzern, die zusammengefügt und dann weiter bearbeitet werden.“

„Im positiven Sinn Stückwerk“, kommentiert Hartog und ergänzt: „So entsteht eine Bildsprache für den gebrochenen Menschen, für die gebrochene Identität.“ Nichts würde wohl besser passen für eine Arbeit, die sich mit menschlichen Abgründen auseinandersetzt, mit Hohn, Spott und Folter.

 

Der Bremer Installationskünstler Constantin Jaxy hat das mit 12.000 Euro dotierte Künstler-Stipendium der Bremischen Evangelischen Kirche erhalten. Die Jury hatte seinen Beitrag aus insgesamt 28 Wettbewerbsbeiträgen ausgewählt, teilte Kulturpastor Achim Kunze am Sonnabend mit. Das zum zweiten Mal vergebene Stipendium läuft bis Januar 2013. Bis dahin will der 1957 geborene Jaxy unter dem Thema "Bremer Spitzen" verborgene Architektur in und auf den Dächern und Türmen der Bremer Kirchen visualisieren.

Jaxy beobachte und dokumentiere die Orte zunächst fotografisch, hieß es. In einem zweiten Schritt setze er diese Recherchen in Form von Objekten, Zeichnungen und Lichtinstallationen um. So werde dem Betrachter eine neue Sicht auf bekannte Gebäude und Formen ermöglicht. "Dies ist eine Art der Kunst, die man selten antrifft", sagte Kunze. Die Umsetzung der Begehungen und Untersuchungen wird 2013 in einer Installation in einer Bremer Kirche zu sehen sein.

Bekannt wurde Jaxy durch die Installation "20.000 Kubik" in Bremen. Einige seiner Arbeiten sind als Stahlskulpturen im öffentlichen Straßenbild zu sehen. Jaxy, der an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig studierte, erhielt mit seinen Arbeiten zahlreiche Preise im In- und Ausland.

Das Stipendium wurde im vergangenen Jahr erstmals an den Holzbildhauer Klaus Effern vergeben. Dessen Werke zum Thema "Verspottung" sind ab dem 23. Februar in der Bremer Kulturkirche zu sehen. Eine derartige Förderung für einen bildenden Künstler gilt als einmalig in Niedersachsen und Bremen. Die hannoversche Landeskirche fördert Kunst mit einem Kulturpreis, der in Höhe von 10.000 Euro alle zwei Jahre vergeben wird.