Gemeinsam gegen Rechts
Die hannoversche Landeskirche will ihr Engagement gegen den Rechtsextremismus ausweiten. Rund 150.000 Straftaten durch Rechtsextremisten in den vergangenen 20 Jahren zeigten, wie nötig dies sei, sagte der Friedensbeauftragte Pastor Klaus Burckhardt bei der ersten Vollversammlung der «Initiative für Demokratie - gegen Rechtsextremismus» der evangelischen Landeskirche am Freitag. Zu dem Treffen waren rund 80 Menschen nach Hannover gekommen. Sie repräsentierten Burckhardt zufolge mehr als 600 Einzelpersonen und Initiativen aus Kirche und Gesellschaft.
"Auch innerhalb der Kirche gibt es einen Resonanzboden für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit", sagte Burckhardt: "Darum wollen wir ein klares Profil zeigen." Die vor gut einem Jahr gegründete Initiative der größten evangelischen Landeskirche in Deutschland bilde ein enges Netzwerk. So hätten sich zum Beispiel nach Brandanschlägen mit vermutlich rechtsradikalem Hintergrund in Faßberg und Unterlüß bei Celle noch am selben Abend 50 Menschen zu einer Mahnwache vor dem Haus eines Betroffenen zusammengefunden.
Der Theologiestudent und Aussteiger aus der rechtsextremen Szene, Johannes Kneifel, rief dazu auf, Rechtsextremismus klar zu verurteilen. Die Ideologie zerstöre das menschliche Miteinander und verursache Hass, Gewalt und Angst. Zugleich müsse die Kirche jedoch Rechtsextremisten einen Weg eröffnen, auf dem diese umkehren könnten. "Als Christen wissen wir davon, dass ein Neuanfang möglich ist." Er selbst habe diese Vergebung erfahren, ohne dass seine Schuld verharmlost wurde.
Der 29-Jährige war als Jugendlicher in die rechtsextreme Skinhead-Szene geraten. Mit 17 kam er für fünf Jahre ins Gefängnis, weil er bei einer Schlägerei einen Mann getötet hatte. Kneifel hat sich von seiner Vergangenheit losgesagt und studiert heute an einer Ausbildungsstätte der baptistischen Freikirche. "Viele Rechtsradikale leben nur unter ihresgleichen", sagte er. "Wenn niemand mit ihnen redet, wird sich nur wenig ändern."
Der Rechtsextremismus-Experte Reinhard Koch betonte die wichtige Rolle der Kirchen. "Sie sind eine Riesenkraft", sagte der Leiter des Zentrums für demokratische Bildung in Wolfsburg. Nach den Terroranschlägen der "Zwickauer Zelle" sollten sie dies nutzen, um vergessene Themen in den Blick zu rücken. "Was untergeht in der gegenwärtigen Diskussion sind die Opfer und die Frage, aus welchem gesellschaftlichen Resonanzboden sich der Hass speist, der junge Menschen zu Tätern macht."
Johannes Kneifel war Neonazi und hat einen Menschen getötet - totgeschlagen. Gewalt war seine Sprache: austeilen - einstecken. Im Gefängnis galt er als Unverbesserlicher. Und doch nahm sein Leben eine unerwartete Wendung. Noch in diesem Jahr wird er Pastor einer evangelisch-freikirchlichen Gemeinde irgendwo in Deutschland sein. "Ich schäme mich", sagt er leise. "Aber ich freue mich auch über das Wunder, dass ich hier stehen darf."
Immer wieder wird er gefragt, ob er vor Menschen seine Geschichte erzählen wolle - eben weil sie so abschreckend und erstaunlich zugleich ist. "Ich kann nichts wieder gut machen", betont er. "Ich kann nur davon erzählen." Es falle ihm nicht immer leicht, und er dränge sich nicht auf: "Aber Gott hat sich an meine Seite gestellt. Er hat mir vergeben."
Von seinem Leben spricht Kneifel auch bei einer Diskussionsrunde der evangelischen Hanns-Lilje-Stiftung. In der Osnabrücker Katharinenkirche geht es um das Thema "Wohl und Wehe dem Land, das Helden hat". Da ist Kneifel Experte: "In meiner Jugend waren für mich diejenigen Helden, die am 9. November 1938 die Synagogen angezündet haben", sagt er. "Ich habe mir gewünscht, dass man mit Ausländern so verfährt wie damals die Nazis mit den Juden."
Als 13-Jähriger hat er nach Helden gesucht, nach Halt, nach Sinn in seinem Leben. Zu Hause fand er nichts davon: "Meine Eltern waren schwer krank, behindert, arm, sozial isoliert." In der Schule war er Einzelgänger, hat sich geschämt für seine Herkunft. Dann lernte er Neonazis kennen. Sie gaben ihm das Gefühl angenommen und akzeptiert zu sein. Mehr noch: "Sie sagten: Hey, du bist Weißer, du bist Herrenmensch, du gehörst zur Elite."
Erstmals fühlte sich der Außenseiter nicht mehr als Verlierer. Er hatte Freunde. Er hatte Spaß daran, sich abzugrenzen, sich anfeinden zu lassen von Eltern, Lehrern, Mitschülern, den "normalen Menschen". Er hasste sie. Er fing an Alkohol zu trinken, wurde immer radikaler und zunehmend gewalttätig.
Dann kam jener denkwürdige Tag. Kneifel war 16. Eigentlich wollte er nur jemandem einen Denkzettel verpassen. "Ich wollte ihn nicht töten. Doch irgendwie ist die Lage eskaliert." Als ein Freund ihn wegzog, war es zu spät. Das Opfer starb einen Tag später. "Da wusste ich, es war der falsche Weg. Aber mir war auch klar, dass es kein Zurück mehr gab. Ich hatte einen Menschen getötet. Die Schuld war wie eine zerstörte Brücke. Der Weg zurück in ein normales Leben war abgeschnitten."
Im Gefängnis war die Gewalt allgegenwärtig. Er war abgestempelt als "schlechter Mensch". Doch dann traf er mit Christen zusammen, die sich ehrenamtlich um die Häftlinge kümmerten, erzählt er: "Die kannten meine Tat und meine Schuld. Aber die sahen mich trotzdem als Mensch, dem Gott seine Schuld vergibt." Sie zeigten ihm einen neuen Weg, zu einem neuen "normalen" Leben.
Es blieb ein schwerer Weg für den Ex-Nazi. Nach der Haft suchte er Kontakt zu einer Baptistengemeinde. Er begann in der Nähe von Berlin ein Theologiestudium, das er in Kürze abschließen wird. Johannes Kneifel ist jetzt 29 Jahre alt. Eines seiner schönsten Erlebnisse war ein Kindergottesdienst: "Da waren Eltern, die haben mir, dem Knacki, ihre Kinder anvertraut. Die haben mir was zugetraut, haben in mir jemanden gesehen, der begabt ist, der etwas weiterzugeben hat. Da wusste ich: Gott schenkt mir einen Neuanfang."
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