Kirche auf der Bildungsmesse
Begeisterung, Beschwerde oder Ratllosigkeit - wie stehen Eltern oder Lehrer zu Inklusion in Schulen? Für Kultusminster Bernd Althusmann ist ein „ein Herzensanliegen“, das Kinder mit jedweden Behinderungen in normalen Schulklassen mitunterrichtet werden. Was allerdings keineswegs Förderschulen aussschließe, denn für manches Kind sei es besser, „im geschlossenen Umfeld gefördert zu werden.“ Und, so der Minister bei einer Podiumsdiskussion zu „humanen Schule“ auf der Bildungsmesse „didacta“ in Hannover, „nicht immer stimmt das Wollen der Eltern mit dem Wohl der Kinder überein.“
Für den hannoverschen Landesbischof Ralf Meister ist die gesetzlich geplante Einbeziehung behinderter Schüler in den Regelunterricht Teil einer notwendigen gesellschaftlichen Herausforderung. „Wir haben uns zu lange an Grenzen orientiert. Inklusion heißt eine Kommunikation über Grenzen hinweg. Das ist nicht nur für Schulen, sondern für die ganze Gesellschaft etwas Neues.“ Meister berichtete, dass er mit einem behinderten Mädchen gemeinsam konfirmiert worden sei, „das war eine ganz wichtige Erfahrung.“ Auch seine Kinder profitierten von Erfahrungen im Zusammenleben mit Behinderten aus Kindergärten, Schulen und der eigenen Familie.
Darin bekräftigte ihn der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker betonte. Die ganze Gesellschaft müsse umdenken, der Schule dürfe nicht der „Schwarze Peter“ zugeschoben werden. Auf ihnen und ihren Lehrkräften laste bereits ein hoher Druck. Der „Schulbischof“ der Deutschen Bischofskonferenz appellierte unter anderem an Kirchengemeinden, sich für eine gleichberechtigte Gemeinschaft von Menschen mit und ohne Behinderungen zu engagieren.
Meister sprach auch von der Umsetzung der Inklusion in diakonischen Einrichtungen. Dort habe man die Zeichen recht früh erkannt und umgesetzt. Dann erinnerte er an die Jahreslosung („Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“) und und sagte, die gesamte Gesellschaft, die unter Leistungsdruck stehe, der auch die Kinder nicht ausnehme, stehe vor der Frage, wie diejenigen einzubinden seien, „die nicht unterdem Stigma des Erfolgs leben“. Bildungsjournalistin Brigitte Schumann warf den Schulbehörden „selektiven Unterricht“ vor; der aber stehe der Inklusion entgegen. Politik und Gesellschaft hätten zu lange gewartet. Schon seit 1994 gebe es UN-Beschlüsse, die alle Länder aufforderten, Schulinklusion einzuführen. Jetzt erst gebe man dem Druck der Eltern mit behinderten Kindern nach, die bisher „draußen vor standen und Inklusion vehement forderten.“ Das könne der Schule gut tun, denn sie sei zu einem „Konkurrenzbetrieb“ geworden, wo „durch Ungleichheiten lebenlange Verletzungen entstehen“.
Auch andere Länder, die sich der Inklusion rühmten, hätten weiterhin Förderschulen, betonte Kultusminister Althusmann. In England seien diese allerdings alle in privater Trägerschaft und fielen damit aus der Statistik. Und schon lange vor dem in wenigen Wochen zu beschließendem Inklusionsgesetz habe es in Niedersachsen zahlreiche Schulen („etwa 500 Projekte“) gegeben, wo erfolgreich Inklusionsarbeit geleistet wurde. Auch mit dem Gesetz werde es vermutich zehn Jahre dauern, bis flächendeckend Schüler mit und ohne Beeinträchtigungen gemeinsam unterrichtet werden, „es fehlen einfach die Fachkräfte.“ Der Versuch, Lehrer berufsbegleitend zu qualifizieren, an der Universität Hildesheim bundesweit einmalig eingeführt, habe sehr gute Resonanz, jedoch seien die drei Dutzend Plätze sofort belegt gewesen.
Dass Bildung nicht das Ansammeln von Wissen sei, betonten alle Redner. Bischof Meister erinnerte an Philipp Melanchthon, der an diesem Tage vor 515 Jahren geboren wurde. Der „Lehrer Deutschlands“ habe immer darauf verwiesen, dass alles Wissen jedem Menschen dienen müsse. Die Jahrhunderte anhaltende Ausgrenzung von Menschen („vor 150 Jahren hat man bei Hagenbeck noch Menschen ausgestellt“) sei noch nicht lange überwunden. Nun gelte es, dies auch auf Menschen mit Behinderungen zu übertragen.
Nach der Diskussion betonte Meister, dass dies auch für die Schulen in evangelischer Trägerschaft gelten müsse. Die Integrative Gesamtschule in Wunstorf habe dies schon in ihrer Schulordnung festgeschrieben, für die anderen sei das in Vorbereitung. „Wir sind im Gespräch mit allen sechs evangelischen Schulen in Trägerschaft der Landeskirche Hannovers“, erklärte die für Schulen zuständige Oberlandeskirchenrätin Kerstin Gäfgen-Track.
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