Klingendes Puzzle aus 4400 Pfeifen

Über ein halbes Jahr stand in der Goslarer Marktkirche anstelle der imposanten Orgel nur ein hölzernes Gerippe. Im Sommer des vergangenen Jahres wurde das Instrument aus der Fachwerkstadt und Touristenmetropole am Harz beinahe vollständig demontiert, nach Freiburg in eine Werkstatt geschafft und komplett restauriert. Nun wird das Gerippe Stück um Stück wieder aufgefüllt - ein Puzzle mit 4.400 Pfeifen, wie es Kantor Gerald de Vries nennt.

Das Puzzle erweist sich allerdings nicht nur aufgrund seiner vielen Teile als echte Geduldsprobe. „Wir haben uns entschlossen, die Orgel erheblich zu erweitern“, sagt de Vries. Wo vorher 37 Pfeifen-Register waren, werden es bald 58 sein. Selbst die eindrucksvolle Orgel im Braunschweiger Dom habe „nur“ 57 Register, verrät er mit Stolz.

Zudem wird die veraltete Steuerungselektronik komplett durch eine moderne Anlage ersetzt. „Da tauschen wir praktisch einen Rechner aus den 80er-Jahren gegen einen modernen Spitzen-PC“, sagt der Kantor. Um die Schaltkreise zu verdrahten, verlegen die Orgelbauer ungefähr 20 Kilometer Kabel. Zugleich entwickeln Experten Software für eine spezielle Touchscreen-Steuerung.

Markantestes Merkmal der neuen Orgel wird der sogenannte Streupfeifen-Prospekt. Die sichtbaren Pfeifen des Instrumentes werden nicht mehr nach Größe sortiert, sondern scheinbar zufällig durcheinander angeordnet. Auf den Klang der Orgel habe das keinen Einfluss, es erhöhe allerdings den Schwierigkeitsgrad beim Zusammenbau noch einmal deutlich. „Zukünftig wird bei uns der Spruch: ‚Aufgereiht wie die Orgelpfeifen' nicht mehr gelten“, erläutert de Vries.

Für ein klingendes Puzzle im Puzzle ist der Orgelbauer und Intonateur Reiner Janke zuständig. Er muss dafür sorgen, dass das Instrument am Ende auch "einen guten Sound" hat. Zwar werde jede Pfeife vorab in der Werkstatt gestimmt. „Aber jeder Sänger weiß, dass er sich mit seiner Stimme der Akustik im Raum anpassen muss“, sagt Janke. Für ihn bedeutet das, alle 4.400 Pfeifen noch einmal im Wechselspiel mit den besonderen baulichen Merkmalen der romanischen Pfeilerbasilika aus dem 12. Jahrhundert zu justieren.

55 Möglichkeiten kennt der Fachmann, mit denen er den Klang einer einzelnen Pfeife verändern kann. „Im Regelfall kommen pro Pfeife aber meistens nur zehn zum Tragen.“ Janke vergleicht die Orgel mit einem gigantischen Mischpult, an dem er den besten Raumklang finden muss: „Unter dem Strich habe ich dafür bei zehn Einstellungen und 4.400 Pfeifen also 44.000 Drehregler.“

Marktkirchenpfarrer Ralph Beims ist überzeugt, dass der rund 500.000 teure Orgelumbau die Gottesdienstbesucher begeistern wird. „Bislang hatte unsere Orgel eine sehr helle und geradlinige Klangfarbe, wie sie bei neobarocken Orgeln der 1960er- bis 80er-Jahre modern war“, sagt der Pfarrer. Wenn das Riesenpuzzle bewältigt sei, werde die Gemeinde ein echtes Universalinstrument haben, auf dem auch die Musik der Spätromantik fantastisch klinge.

Bis es soweit ist, haben die Orgelbauer allerdings noch alle Hände voll zu tun. Vier bis sechs Handwerker sind Tag für Tag am Instrument im Einsatz, damit es pünktlich zur Einweihung am Ostersonntag (8. April) fertig wird. Noch scheint das Chaos zu überwiegen. „Manchmal kann es vorkommen, dass sich ein Teil partout nicht anfinden will“, sagt Kantor de Vries. Verunsichern lasse sich davon aber niemand, lacht Orgelbauer Janke: „Dann machen wir einfach an einer anderen Stelle weiter, und nach einem halben Tag findet sich dann endlich auch das vermisste Bauteil an.“