Ordnung muss sein?
Sind Formen reine Formsache? Also bloß „Formalia“, die schnell zu den Akten gelegt werden können? Oder gehören Fragen der Form, der Struktur, zu den unverzichtbar wichtigen Dingen, die allenfalls darum in Vergessenheit gerieten, weil sie außerhalb des medialen Scheinwerfers liegen?
In der Kunst, in der Musik, in der Lyrik sind Formen zentraler Gegenstand künstlerischen Ausdrucks. Wer eine Sonate komponieren will, muss ihre Form beherrschen. Ein Sonett verlangt die Abfolge von zwei vier- und zwei dreizeiligen Strophen, sonst ist es keines. Ein Aphorismus muss geschliffen formuliert sein, sonst verfehlt er seinen Anspruch. Natürlich ist niemand gezwungen, sich mit Versformen zu beschäftigen, mit Betonungen, Klang und Rhythmus – doch manche gutgemeinten Gelegenheitsgedichte künden von dieser Abstinenz. Biologen können viel erzählen vom Formenreichtum in der Natur, bei Blättern, Insektenflügeln oder Tiefseefischen. Klassisch ist der Hinweis von Meteorologen, dass trotz ihrer Myriadenzahl keine Schneeflocke in ihrer Form der anderen gleicht.
Zu den größten Form-Schatzkammern gehören traditionell die christlichen Kirchen, und das betrifft keineswegs nur die religiöse Symbolik, die Elemente der Liturgie oder die kirchliche Kunst, Musik oder Architektur. Bis in den Wortlaut von Texten hinein spielen Fragen der Form eine entscheidende Rolle – darum sind Proteste gegen manche Neuübersetzung der Bibel (nach Luther) zuweilen so massiv, ganz unabhängig davon, ob man sie befürwortet oder nicht.
Heute scheinen manche Kirchenmenschen eine Abneigung zu haben gegen jede allzu starke Betonung der Form. Vor allem die jahrelangen Struktur(=Form)-Debatten haben den Ruf nach „wieder mehr Inhalten“ verstärkt. Dabei wäre es ein fatales Missverständnis, zu meinen, es gebe diese Inhalte ohne jede Form. Die Verkündigung des Evangeliums geschieht immer in einer konkreten Situation zu einer bestimmten Zeit. Neben allem „Was?“ ist daher auch das „Wie?“ relevant. Neudeutsch heißt dies: zielgruppenspezifische Orientierung. Althergebracht könnte man‘s auch eine Formfrage nennen.
Nicht ganz schuldlos am Verschwinden aller ernsthaften Form-Diskussionen sind die Medien. Die permanent wachsende Gier nach immer mehr InFORMationen ist dem Nach-Denken oft nicht förderlich. Immer mehr belanglose Inhalte schwappen durch alle Formate, die allzu selten echtes Format haben. Doch Nachrichten ohne Ende, egal wie banal, sprengen alle Formen. Wer sollte dabei noch Lust haben, den sprachlichen Ausdruck zu pflegen? Wo keinerlei Substanz ist, wird alles formlos. Was „in Form gebracht“ wird, gewinnt Konturen, nimmt Gestalt an. „Malen heißt nicht Formen färben, sondern Farben formen“, schrieb der französische Künstler Henri Matisse (1869-1954). Das ist ein Aphorismus, eine Lebensweisheit. Ein Satz zum Neugierig-machen, zum Mehr-wissen-wollen. Zum Stöbern, auch wenn es Jahre dauert. Kein Inhalte-Satz, sondern eine reine Form-Sache.
Das Wort „Struktur“ kommt vom lateinischem Wort „ structura“ und bedeutet ursprünglich nichts anderes als „Zusammenfügung, Ordnung, Gefüge“. Wo Menschen zusammen leben und arbeiten, dort bedarf es eben solcher Überlegungen. Das ist keine neue Erfindung. Schon in den Briefen des Paulus findet man überall Strukturüberlegungen.
Der Pastor und Kabarettist Matthias Schlicht und der Pastor für Personal- und Organisationsentwicklung Andreas Wackernagel im Pro und Contra zur Frage, ob sich Kirchen sichzu viel mit ihren eigenen Strukturen beschäftigen?
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