Pastorenkneipe
Die Konkurrenz für die Kirche scheint übermächtig an diesem Abend in der Osnabrücker Studentenkneipe „Balou“. Im großen Schankraum lärmen etwa 100 Fußball-Fans. Auf der Großbildleinwand wird ein Spiel der Champions-League gezeigt. Im kleineren Nebenraum, der sonst für Raucher reserviert ist, versuchen zwei evangelische Pastoren erstmals bei Bier und Apfelschorle über religiöse Fragen ins Gespräch zu kommen.
Doch die 20 Gäste im „seekers chatroom“ lassen sich nicht beirren. Sie diskutieren mit Ute Schneider-Smietana und Martin Wolter über Gott und die Welt. In Aachen ist es ein Buß- und Bettag in Bussen, in Hannover ein Gospel-Flashmob im Einkaufszentrum. Wie viele Pastoren und Gemeinden im Land wagen auch die Osnabrücker ein Experiment. Kirche soll raus, dahin wo Menschen sich treffen. Konkurrenz ist dabei nicht auszuschließen.
„Passt Leistung zum christlichen Glauben?“ - Zur Sicherheit und „um das Eis zu brechen“ haben die beiden einen ersten inhaltlichen Impuls mitgebracht. Wolter erzählt von seiner Lust an der eigenen Leistungsfähigkeit. Auch Gott fordere, dass jeder seine Talente gewinnbringend einsetze. Die Kollegin erinnert an Luthers Rechtfertigungslehre. Danach ist bei Gott jeder als Mensch anerkannt und von ihm geliebt, unabhängig von seiner Leistung.
Dieses Spannungsfeld beschäftigt vor allem die jungen Gäste eine ganze Weile. Studentinnen hadern mit der Leistungsbewertung in Schule und Universität. Ein älteres Ehepaar fragt nach dem Umgang mit Krankheit, Erfolglosigkeit und Scheitern in der Leistungsgesellschaft. Das Gespräch gewinnt schnell an Intensität. Führt Gott uns Menschen wie Marionetten durch unser Leben? Ist sowieso alles vorherbestimmt? Wie kann ich dann einem Gott vertrauen, der Leid und Bosheit zulässt?
Auch die beiden Pastoren haben nicht immer eine Antwort parat. „Ich weiß nicht, wie Gott mit den Schurken dieser Welt umgeht“, sagt Schneider-Smietana. Lehrerin Marina (30) ist nachher voll des Lobes. Die Kirche sollte häufiger neue Wege gehen, „weg von den alten, verknöcherten Strukturen“, sagt sie: „Ich finde es gut, wenn man auch mal selbst denken und fragen darf. Es ist schön, wenn Pastoren den Mut aufbringen, sich allen Fragen zu stellen, statt nur vorbereitete Texte abzulesen.“
Um Menschen heute für den Glauben zu begeistern, müsse die Kirche stärker in die Offensive gehen, meint Oberkirchenrat Thorsten Latzel. Er ist bei der EKD zuständig für neue Formen der Verkündigung. Regelmäßige Bibelgesprächskreise sprächen viele nicht mehr an, Predigten nach Art von Univorträgen ebenso wenig. „Gottesdienste in der Sparkasse oder im Gerichtssaal, ein Kreuzverhör nach der Predigt oder große Tauffeste in der freien Natur haben dagegen Konjunktur.“
Für den Experten geht es auch um Inhalte und Leitbilder. Jede Firma habe eine Mission, ihre Botschaft. Ausgerechnet die Kirche jedoch tue sich damit schwer, diese nach außen zu vertreten: „Wir haben eine eigenartige Scheu, über unseren Glauben zu sprechen. Wir haben immer Angst, dem anderen zu nahe zu treten. Die Menschen erwarten aber, dass wir das, was uns so begeistert, auch benennen können.“
Ute Schneider-Smietana und Martin Wolter sind zufrieden mit ihrem Experiment. Nach zwei weiteren Gesprächsrunden im „Balou“ haben sie mittlerweile ihr Konzept an manchen Stellen geändert. Sie wollen künftig im Hauptraum der Kneipe bleiben und die Schar der Diskutanten um einen großen Tisch versammeln. Weitere Termine für Mai und Juli stehen schon fest. „Unsere Chancen liegen draußen vor der Kirchentür“, sagt Schneider-Smietana voller Überzeugung.
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