Teddys trösten

Blaulicht zuckt über die nasse Straße. Im Graben liegt ein Kombi auf dem Kopf. Am Straßenrand sitzt ein blasser fünfjähriger Junge mit einem Teddy auf seinem Arm und wischt sich die Tränen ab. Den Bären hat er gerade von einem Polizisten geschenkt bekommen - zum Trösten.

Wenn in Deutschland Polizei, Feuerwehr oder Rettungswagen mit Blaulicht und Sirene unterwegs sind, ist er fast immer dabei: Ein Kuschelbär der Deutschen Teddy-Stiftung mit Sitz im ostfriesischen Esens.

Bundesweit haben bereits Zehntausende der Teddys mit den markanten schwarzen Knopfaugen Kindern in Notsituationen geholfen und möglicherweise schlimme Traumata verhindert, sagt der Stiftungsvorsitzende Franz Andratzke.

„Für ein weinendes Kind kann ein Kuscheltier ein Stück Zuhause und Geborgenheit symbolisieren“, sagt der Chefarzt im hannoverschen Kinderkrankenhaus „Auf der Bult“, Bernhard-Christoph Eich. Es trage dazu bei, die Angst nach einem schlimmen Erlebnis abzubauen. Kinder bräuchten mehr als nur eine medizinische Behandlung. Er selbst habe im Einsatz als Notarzt auf der Straße gute Erfahrungen mit den Notfall-Teddys gemacht.

Der Chef der Hamburger Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKE, Michael Schulte-Markwort, warnt jedoch davor, die Teddys als Allheilmittel zu betrachten. „Schmusetiere sind bei Kindern hochemotional besetzt und können nicht mal eben durch ein anderes ersetzt werden.“ Stehe beispielsweise eine Familie vor ihrem brennenden Haus, helfe der neue Teddy einem Kind vermutlich gar nicht, wenn gerade seine Lieblings-Plüsch-Kuh in Flammen aufgeht.

Wichtig sei, dass die Kinder in Extremsituationen von Erwachsenen getröstet werden, um bei den ersten Anzeichen eines Traumas sofort professionelle Hilfe herbeiholen zu können. „Kinder reagieren völlig individuell auf Katastrophen“, erläutert der Experte.

Seit 1998 hat die Stiftung rund 120.000 Teddys an Streifenwagen der Polizei und Rettungsfahrzeuge verteilt, damit sie in der Not zur Hand sind, sagt Andratzke. „Wenn kleine Kinder mit ansehen müssen, wie Vater oder Mutter schwer verletzt nach einem Unfall geborgen und abtransportiert werden, hinterlässt das tiefe Spuren.“ Da sei etwas zum Kuscheln schon eine Hilfe.

Andratzke kam auf dramatische Weise zu den Teddybären: Als 1997 in Wittmund Eltern die Beinah-Entführung ihrer kleinen Tochter meldeten, riefen ihn seine Kollegen auf die Wache. „Da hat meine Frau gesagt: Nimm ein Kuscheltier von unserer Tochter mit“, erinnert sich Andratzke. „Was dann passierte, war für mich ein Schlüsselerlebnis.“ Das bis dahin durch den Schrecken stumme Mädchen beginnt dem Kuscheltier im Arm genau zu erzählen, was passiert ist. „Da war mir klar, wir brauchen für unsere Polizeiarbeit dringend Teddybären.“

Jeder Teddy trägt einen Sticker mit der Bitte, einen Brief an die Stiftung zu schreiben. Auf Andratzkes Schreibtisch stapeln sich Order mit Rückmeldungen. „Wir haben Tausende Dankesbriefe mit tollen Bildern und schönen wie traurigen Geschichten bekommen.“

Übrigens ist der Notfall-Teddy nicht irgendein Teddybär, betont Andratzke: Hunderte Kindergartenkinder hätten unter 125 unterschiedlichen Teddys genau diesen als ihren Liebling ausgewählt.