Weißt du, wie viel Mücklein spielen
Bei der „Internationalen Grünen Woche“, ist nicht nur Raum für politische und wirtschaftliche Debatten zu landwirtschaftlichen Fragen. Auf der Bühne des Erlebnisbauernhofes der größten Messe für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau fand auch eine ökumenische Kurzandacht statt, in der sich der hannoversche Landesbischof Ralf Meister der theologischen Frage stellte, welche Verantwortung aus dem Glauben für die Tiere erwächst.
Nun ist es ja grade einmal ein paar Tage her, dass wir die Tiere wieder aus unseren Wohnzimmern vertrieben haben. In den meisten Wohnungen und in den Kirchen sind vor drei, vier Wochen die Krippen wieder abgebaut worden. Ochs und Esel wurden in Karton und Schachtel verpackt und nun lagern sie wieder auf dem Dachboden oder im Keller und warten auf ihren Neueinsatz in 11 Monaten. Egal, an welchem Ort wir leben, die Nähe zur Landwirtschaft, zur Tierhaltung bleibt ein Teil auch der kirchlichen Tradition. Und sie bleibt verbunden mit dem wichtigsten Fest unserer Kultur: Weihnachten. Selbst in Einkaufszentren und städtischen Betonwüsten erzählen die Hirten vom Feld mit den Tieren vom Jesuskind.
Wie großstädtisch wir auch leben, wie wenig unsere Kinder noch von der Landwirtschaft wissen, es gibt uralte Bilder, die gehören zum Grundbestand unserer Kultur, auch wenn die Lebenswirklichkeit längst eine andere ist. „Du bist mein Hirte“ (Ps 23) – wer weiß denn heute noch, was ein Hirte ist? Wann hat ein Berliner Kind das letzte Mal eine Schafherde gesehen? Wer weiß noch, was ein Säemann ist, wenn heute kein Landwirt mehr mit dem Sack des Saatgutes vor dem Bauch übers Feld schreitet und mit weiter Handbewegung säht?
Doch diese Verbindung von der Nähe zwischen Mensch und Tier wird Weihnachten immer wieder erzählt. Wie heißt es in einem Gedicht von den drei Hirten: „Wir standen scheu und stummen Munds: Die Hirten, Kind, sind hier. Und beteten und wünschten uns Gerät und Pflug und Stier. Und standen lang und schluckten Zorn, weil uns das Kind nicht sah. Griff nicht das Kind dem Ochs ans Horn Und lag dem Esel nah?“ (Peter Huchel, Hirtenstrophe)
Die Nähe zwischen Gott, also dem Jesuskind und den Tieren wird hier besungen. Gott ist den Tieren näher als uns Menschen, so scheint es. Es ist eine Verbindung, die uns Christen vertraut ist. Tiere sind Mitgeschöpfe. Sie sind uns nicht gleichgültig, sie sind von Gott geschaffen und den Menschen in ihrer Verantwortung übergeben. Das ist eine Verpflichtung. Der Umgang mit Tieren ist eben kein Umgang mit Dingen oder Objekten, auch nicht mit Produktionsgütern sondern mit Geschöpfen Gottes. Diese Bedeutung wird übrigens auch im Alten Testament mehrfach deutlich. Beispielhaft in der legendären Rettungsaktion in der Arche Noah. Wie kommt eine orientalische Kultur auf diese Tierrettung? Weil sie ihr ganzes Leben im Miteinander mit den Tieren verbringt, sie als Nahrung, Tragetier, Arbeitshilfe braucht. Aber eben auch als einen bedeutenden Teil für die faszinierende, wunderbare Schönheit der Schöpfung Gottes; es wurden ja nicht nur Nutztiere mit auf das Schiff genommen.
Aber es gibt noch ein zweites Zeichen der besonderen Verbindung zwischen Mensch, Tier und Gott. Als Gott die Tiere und den Menschen geschaffen hatte, bringt er die Tiere zum Menschen, also zu Adam und lässt ihn den Tieren einen Namen geben. Es ist das erste Zeichen menschlichen Selbstbewusstseins, dass Gott betrachtet. Es heißt dort: „Und Gott der Herr machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde….und brachte sie zu dem Menschen, dass er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen.“ (1. Mose 3,19)
Schöner kann man die Verbindung zwischen Gott und dem Menschen nicht ausdrücken: Denn das bedeutet ja 1. Du Mensch bist verantwortlich für die Tiere. 2. Du musst sie betrachten als Geschöpfe Gottes 3. Indem du ihnen einen Namen gibt’s, werden die Tiere einzigartig. Sie werden Individuen.
Gott betrachtet das menschliche Geschehen und er überträgt die Kompetenz der Namensgebung dem Menschen. In dem Volkslied: Weißt du, wie viel Sternlein stehen heißt es in der zweiten Strophe: „Weißt du, wie viel Mücklein spielen, in der heißen Sonnenglut, wie viel Fischlein auch sich kühlen, in der hellen Wasserflut? Gott der Herr rief sie mit Namen, dass sie all ins Leben kamen, dass sie nun so fröhlich sind.“
Nicht ganz richtig müsste man korrigieren. Die Namensgebung war Auftrag des Menschen. Es ist beim Menschen, die Kompetenz der Sprache. Gott achtet die kulturelle Leistung des Menschen innerhalb seiner Schöpfung, aber er legt uns auch eine Verpflichtung auf: Achtet die Mitgeschöpfe, achtet die Tiere.
Jedes Jahr erzählen uns Ochs und Esel von dieser Verpflichtung. Auch wenn sie in im Karton im Keller schlafen. Aus diesem Auftrag Gottes entlassen wir uns nicht.
- Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben
- Feed: EVLKA Hannover
- Original article


Neueste Kommentare
vor 1 Jahr 18 Wochen
vor 1 Jahr 44 Wochen
vor 1 Jahr 45 Wochen
vor 1 Jahr 45 Wochen
vor 1 Jahr 45 Wochen
vor 1 Jahr 45 Wochen
vor 1 Jahr 45 Wochen
vor 1 Jahr 45 Wochen